Badenfahrt – ein Virus

Seit der Römerzeit ist Baden – damals Aquae Helveticae – ein Reiseziel. Der Zweck hat sich inzwischen gewandelt. Die modernen Badenfahrten sind Ausdruck von Lebensfreude und stehen im Zeitgeist ihrer Epoche.

Die Besucher – erst österreichische und später eidgenössische Würdenträger weltlicher wie geistlicher Herkunft – kamen keineswegs nur der Gesundheit oder der Rehabilitation wegen hierher, denn das Badeleben oder vielmehr das Geschehen darum herum übte auf Alt und Jung beiderlei Geschlechts eine grosse Anziehungskraft aus. Kein Wunder, wählten die alten Orte der Eidgenossenschaft diese Stadt als Tagsatzungsort.

Ihren Höhepunkt erlebte die Bäderstadt, als im zwinglianischen Zürich die Begierde nach Lebensfreude nur noch einen Ausweg fand, nämlich eine Fahrt nach Baden. Damals noch per Kutsche, zu Pferd oder auf der Limmat kamen die Herrschaften und befreiten sich aus dem Korsett gestrenger Moral und Sitte. Der Bau der ersten Eisenbahn auf Schweizer Boden im Jahre 1847 förderte nicht nur den Verkauf von Spanischbrödli in Baden an Zürcher Gäste, sondern auch den Badetourismus.

Die erste Badenfahrt im Jahre 1923 kennt einen andern historischen Hintergrund: Sie gedachte des Europäischen Friedenskongresses im Jahre 1714, der die Gesandten europäischer Grossmächte nach Baden führte. Nebst dem Friedenskongress besann man sich thematisch zurück bis ins Altertum. Die Gesellschaft der Biedermeier stellte dazu ein grosses Fest mit einem historischen Festspiel auf die Beine. Mit dem Reingewinn wurde ein Fonds für das Theater geschaffen.

Mit dem 90-Jahr-Jubiläum der Spanischbrödlibahn bekam die Stadt erneut Anlass für ein grosses Fest. Vom 7. bis 15. August 1937 fand die zweite Badenfahrt statt, deren Festzug unter dem Motto «Die Badenfahrten im Wandel der Zeiten» stand. Es herrschten schwierige Zeiten damals, im Jahre 1937 und mit einem Fest wollte man die Sorgen und Nöte für ein paar Tage vergessen machen. Bestimmt wollte man schon durch die Namensgebung andeuten, dass man durch dieses Fest ein Stück jener guten alten Zeit zurückholen wollte, in der man nach Baden nicht nur zur Kur, sondern eben auch zum Festen fuhr. Auch die erste Badenfahrt nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahre 1947, fand in Zeiten grosser Unsicherheit statt.

Der grossen Verkehrssanierung fiel die Fortsetzung der Badenfahrten im 10-Jahres-Rhythmus zum Opfer. Immerhin fand man mit Tunnelfest- und Blinddarm-Einweihung Grund genug, um ein Fest auf die Beine zu stellen. Mit umso grösserem Effort stürzte sich die ganze Region in die Badenfahrt 1967, deren Corso «Räder machen Leute» legendär geblieben ist.

Die schnelllebig gewordene Zeit verleitete dazu, den Festrhythmus auf 5 Jahre zu verkürzen. Von der kleinen Badenfahrt 1972 bleibt vor allem der Historische Markt in Erinnerung. 1975 schob sich in Baden noch das Musiläum als denkwürdiges Fest ein.

«Wasser» lautete das Thema der Badenfahrt 1977. Es wurde zum Fest voller Attraktionen mit dem Festspiel Siegawyn und Ethelfrieda und dem Festzug «Freut euch des Lebens». Nachdem verregneten «Danuser» im Jahre 1980 rüstete sich die Stadt bereits wieder zu einer Badenfahrt, und von einer «kleinen» war gar nicht mehr die Rede. Unter dem Motto «Illusionen» erlebte man 1982 ein Riesenfest mit unzähligen Beizen und einem prächtigen Umzug.

Das Motto hiess im Jahr 1987 «Bade fahrt ab, hebt ab, flügt ab, taucht ab». Ein eindrückliches «Spiel zum Fest» wurde auf die Limmatbühne gezaubert. Nebst einem herrlichen Umzug zeigte sich die Stadt voller Bühnen, Beizen und Attraktionen. Wenige Tage vor der Festeröffnung gab die Firma BBC ihre geplante Fusion mit der schwedischen Firma Asea bekannt. Die Unsicherheit, die diese Fusion bei der Belegschaft auslöste, dämpfte die Festfreude.

Statt einer kleinen Badenfahrt schob sich 1991 der 700. Geburtstag der Eidgenossenschaft dazwischen. Das Fest «Swiss Made» ist den meisten aIs eine Badenfahrt in Erinnerung geblieben, was es in gewissem Sinne ja auch war.

1997 erlebte die ganze Region «La Badenfahrt». Es war eine modernere Badenfahrt, die dennoch nichts an Kreativität missen liess.

Die erste Badenfahrt im neuen Jahrtausend stand 2007 unter dem Motto «Welt statt Baden». Die Festbesucher tauchten ab in Unter- und Halbwelten, Götterwelten und Sagenwelten, Glamour- und Glitzerwelten und allerlei Welten dazwischen. Vom 17. bis 26. August 2012 lockte das Stadtfest Hunderttausende zum «Geschichten schichten» nach Baden. Erstmals war das Schloss Stein mit spektakulären Bauten Teil des Festgebiets.

Die nächste Badenfahrt wird 2017 stattfinden.

Quelle: Erich Schmid, Turgi