UNIVERSUS: Kick-Off


Probe für UNIVERSUS mit Prototypen aus dem Bühnenbild

Interview mit Philipp Boë

Kick-Off Wochenende für UNIVERSUS: Das Badenfahrt-Spektakel hat die Arbeit aufgenommen und letztes Wochenende ausgiebig geprobt. Im Interview mit www.badenfahrt.ch spricht Regisseur Philipp Boë erstmals über das Spektakel-Konzept und verrät, womit die Badener rechnen können – und womit nicht.

Philipp Boë, du bist Regisseur des Theaterspektakels, das an acht Abenden an der Badenfahrt 2017 gespielt wird. Wie weit seid ihr mit den Vorbereitungen für UNIVERSUS?

Wir sind beim ersten Probewochenende, mit allen verfügbaren Beteiligten auf der Bühne. Noch sind wir in der Kennenlern- und Teambildungsphase, haben erste Übungen, Spiele, Improvisationen gemacht. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen und die Motivation zu stärken. Wir haben die Leute das letzte Mal Ende Oktober gesehen und mir war es wichtig, dass man sich dann nicht erst wieder im Sommer, fast ¾ Jahre später, trifft, sondern auch zwischendurch einen Eckpfeiler einschlagen kann. Es ist für mich hilfreich, die einzelnen Individuen näher kennen zu lernen und aufgrund dessen dann auch die Arbeitsmethodik auszurichten.

Ich habe ein Szenario geschrieben, das zu 80 Prozent ausgearbeitet ist. Ablauf, Idee, Geschichte, Dramaturgie – das steht eigentlich. Das Feld ist aber noch offen. Ideen können zwar noch lange einfliessen, aber wir sind schon in der Phase der Validierung gewisser Ideen. Dieses Wochenende werden wir Tests mit Prototypen aus dem Bühnenbild machen, die uns erlauben, Ideen weiterzuverfolgen respektive die Konstruktion weiter zu planen. Also, eigentlich haben wir dieses Wochenende Kick-off.

Kannst du uns einige Details zum Stück nennen?

Wir haben eine riesige, alte BBC-Maschine im Sinn, die ein bisschen an die alten Filme von Charlie Chaplin erinnert. Wie in einer altertümlichen Fabrik mit Zahnrädern. Am Modell hatten wir die Idee, dass 50 Darstellende gemeinsam an dieser Maschine arbeiten, an einer Stange werkeln oder ein Zahnrad bewegen. Nun müssen wir schauen, wie das in Wirklichkeit aussieht. Noch sind das sehr einfache, aus Karton ausgeschnittene Formen. Aber so eine Aufführung entwickelt sich in mehreren Phasen.

Habt ihr schon Grundmotive, mit denen ihr arbeitet oder hofft, voranzukommen?

Das Grundkonzept ist klar: Es soll aus dem Fundus der Badener Geschichte stammen. Darum die Fabrikmaschine. Wir werden die Römer streifen, die Therme, Hermann Hesse mit seinem «Kurgast». Sogar die blinde Badener Dichterin, Luise Egloff, die vor ziemlich genau 200 Jahren gelebt hat, könnte eine Rolle spielen.

Ich habe gelesen, das Stück wird wortarm aber bildgewaltig werden. Kannst du etwas zur Bildsprache sagen?

Wahrscheinlich werden nur die Wenigsten, die heute hier sind, einen Text-Part haben – oder nur punktuell. Bildhaft setzt sich das Stück aus der Masse an Leuten und der Choreografie im Raum zusammen. Darüber hinaus haben wir ein relativ flexibles Bühnenbild. Also keine statischen, schweren Strukturen, sondern alles modular, d.h. die Römer werden mit Säulen und Pseudo-Steinen aus Styropor ausgestattet, die dann immer wieder neu angeordnet werden.

Die ewige Transformation ist das wiederkehrende Element von UNIVERSUS. 4000 Jahre Badener Geschichte, das heisst auch 4000 Jahre stetiges Wachsen, Sterben und Neuentstehen. Das Zyklische ist also ein Grundmotiv. Darin suchen wir die Kontraste, um das Grundthema der Badenfahrt, VERSUS, aufzugreifen. Kontraste im Visuellen aber auch im Dramaturgischen. Zum Beispiel sollen eine Tänzerin und ein Tänzer mit ihren geübten Körpern einen Tanz aufführen, sich choreografisch dem Thema VERSUS nähern. Gleichzeitig sollen sie mit dem kontrastiert werden, was ich den Gang der Ischiatiker nenne. Das ist der Anfang von Hesses «Kurgast»; darin beschreibt er, wie die Gäste mühselig und schmerzverzerrt durch die Kurstadt Baden humpeln. Die beiden virtuosen, fast fliegenden Körper und der andere, sehr langsame, schmerzliche Gang. Auch innerhalb solcher Felder suche ich die spielerischen Kontraste.

Wie viele Proben soll es bis zum Start geben?

Im Mai haben wir drei Proben, die sich nur mit Chor und Stimme befassen werden. Dann gibt es im Juli mehrere Termine, die als offene Proben gedacht sind. Da wir von den Laien nicht die gleiche Verbindlichkeit erwarten wie von bezahlten Profis, haben wir einen professionellen Cast von 3 oder 4 Personen, die Ende Juli zu den Proben stossen werden. Bis dahin werden wir in einem lockeren Prozess mit den Laiendarstellern einen Pool von Material, Choreografien, kleinen modularen Szenen erarbeiten, die dann Patchwork-artig zusammengefügt werden.

Diese Arbeitsweise hat den Vorteil, dass allen freigestellt ist, wie viel Engagement sie hineinstecken können und wollen. Mir ist wichtig, dass auch Leute dabei sind, die nur im August mitmachen, erst bei den Haupt- und Generalproben dabei sein können. Wir versuchen auch dort flexibel auf die Möglichkeiten der gesamten Crew einzugehen.

Das klingt fast nach einem Regie-Stück, was ihr inszeniert.

Es ist ein Wechselwirkungsprozess. Wir versuchen, eine Arbeitsweise zu finden, bei der alle ihre Qualitäten ausspielen können. Weil das Projekt auch Community-Charakter hat, ist mir sehr recht, dass ich der Koch bin, der all diese Ingredienzen zusammenköchelt. Aber ich bin sehr dankbar, wenn es Plattformen gibt, wo sich die Menschen auch mehr einbringen können als zu sagen: „Ich bin da, was muss ich tun?“.

Die narrative, dramaturgische Anlage des Stücks erlaubt es, sehr in Stilen und Epochen rumzuspringen. Uns schwebt kein historisch korrektes Stück mit naturalistischen Kostümen vor, sondern wir arbeiten an einer Überzeichnung, an Karikaturen, an einem Mashup. Wir nehmen zwar die 4000 Jahre Badener Geschichte, drehen diese aber im Schleudergang durch die Waschmaschine und sehen dann, was rauskommt. Im Stück werden wir gnadenlos von einer Epoche in die nächste springen.

Die dramaturgische Eckklammer des Stücks ist ein Parkarbeiter, der von Mick Holsbeke gespielt wird – einem sehr talentierten, wenn nicht sogar einem der weltbesten Clowns. Er ist der rote Faden. Als Arbeiter im Park hat er anfangs nichts anderes im Kopf als seinen Job gewissenhaft zu machen. Dann kommt aber ein Regisseur mit seiner Entourage in den wohlbekannten Kurpark und plant dort sein Stück, also das, was wir gerade auch wirklich erarbeiten. Ein Schauspieler also, der einen Regisseur spielt, der einen grandiosen Plan hat.

Das erinnert an Fellinis Achteinhalb…

Es sind fellinieske Momente, in der Tat. Mir gefällt auch diese Meta-Ebene zwischen «Im Stück» und «Über das Stück».

Kommen wir zum Team: Seid ihr vollständig?

Das Kreativteam hingegen ist komplett. Christine Bossard und Lena Steinemann verantworten mit einem kleinen Nähteam die Kostüme. Dani Waldner ist der Bühnenbildner; auch er hat ein kleines Team von ausführenden Händen. Martin Brun, der sehr viel Erfahrung im Freilichtbereich hat, wird sich um das Licht kümmern. Mit Videoinstallationen werden uns Andi Hofmann und Peter Heusler dabei unterstützen, den Park in ein surreales Universum zu verwandeln.

Danke für das Gespräch.

Kick-Off-Wochenende (25.-26. März 2017): Proben zu UNIVERSUS
Probe für UNIVERSUS mit Protypen aus dem Bühnenbild
Darsteller- und Materialprobe für UNIVERSUS
Regisseur Philipp Boë mit Mitgliedern des Ensembles

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